Europa

From Berlin to Rostock

„Der Weg ist das Ziel“ sagt man ja manchmal gerne so dahin, vor allem wenn der Weg doof und beschwerlich ist und nicht wirklich Spaß macht.
Bei längeren Radtouren ist der Weg aber eigentlich immer das Ziel, was schon klar wird wenn man im Nachhinein davon erzählt. Da geht es selten um den Zielort der Reise oder das was man links und rechts neben dem Weg gesehen hat. Berichtet wird eher über die harten Fakten wie Kilometerzahl, Windstärke und Anzahl unliebsamer Hügel – die erklärten Feinde eines jeden Sonntagsradfahrers. Um so beschwerlicher der Weg, um so besser die Geschichten darüber.

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Zunächst einmal verläuft der Weg von dem hier die Rede ist, gar nicht wirklich (nur) von Berlin nach Rostock, sondern von Berlin nach Kopenhagen und dann sind wir auch gar nicht in Berlin gestartet, sondern in Oranienburg bei Berlin (Details werden eh überschätzt).

Wir, das waren in diesem Fall Nicole, Sven und ich, nebst jeder Menge Gepäck und der Ambition bis Sonntag High Noon den Rostocker Hauptbahnhof zu erreichen. Es gab ein im Voraus gebuchtes, nicht rückerstattbares Bahnticket für Nicole das uns hier ein klares zeitliches Limit setzte. Nicole und ich siedelten unsere Chancen die 330 offiziellen Wegkilometer bis nach Rostock in der vorgegebenen Zeit (dreieinhalb Tage) zu schaffen eher gering an. Es gibt ja immer noch die nahegelegene Bahnstrecke beruhigten wir uns, wohlwissend, dass unser Ego da eher Einspruch erheben würde. Sven besaß ein Rennrad und eine kräftige Wadenmuskulatur, seine Chancen Rostock zu erreichen waren deutlich höher.

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Die wirkliche Herausforderung der ersten Etappe nach Fürstenberg war dann erstaunlicherweise aber gar nicht die nicht vorhandene Wadenmuskulatur. Viel störender waren die gröhlenden Männerhorden und die schlechte Musik die, ganz wie es sich für den Herrentag gehört, denn an dem starteten wir, von einfach überall her zu kommen schien. (Grüße an die Gruppe die am Straßenrand irgendwo hinter Oranienburg gesessen hat und für jeden hupenden/ klingelnden Auto,- Radfahrer einen trank – Jungs, ich habe wirklich gerne für euch geklingelt, was tut man nicht alles für den guten Zweck.)

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Der Norden Brandenburgs war trotzdem schön anzuschauen und auch der Radweg enttäuschte uns in seinem Verlauf nicht.

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Aber wie wir spätestens nach diesem Tag voller Schlagerbeschallung mit voller Gewissheit wussten, hat alles (außer der Wurst) mal ein Ende und wir erreichten gegen 17 Uhr Fürstenberg.
Nach leichter Panik weil der ganze Ort komplett ausgebucht schien, fanden wir dann doch noch eine Unterkunft in einer Jugendherberge unmittelbar neben dem ehemaligen KZ Ravensbrück. Was nicht wirklich idyllisch klang, war es dennoch. Der Charme einfacher aber sauberer Zimmer zum günstigen Preis von 27 Euro pro Person, nebst Frühstück, sollte nicht unterschätzt werden.
Kilometeranzahl an diesem Tag: ca. 90, Hügel mäßig bis kaum vorhanden, wenig Wind.

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Der zweite Tag begann früh am Morgen (kein Wunder wir waren auch alle bereits um 21 Uhr eingepennt). In unserer Euphorie über die eigene Sportlichkeit joggten wir sogar noch einige Kilometer zum nahegelegenen See – nicht besonders viele und nicht besonders schnell.
Das war auch ok, wir hatten auch noch viel vor und wollten das laut offiziellem Wegplan ca. 105 Kilometer entfernte Waren an der Müritz erreichen. Mehr als 100 Kilometer, das klang schon leicht beängstigend.
Aber so schlimm konnte das ja nicht werden, dachten wir. Google Maps versprach eine wesentlich kürzere Route, ein wenig über die Landstraße abkürzen könnten wir ja auch und überhaupt war das sicher ähnlich wie diese Zeitangaben auf Wanderschildern die man immer locker unterbieten kann. Dachten wir.

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Aber genau wie diese Zeitangaben auf Wanderschildern die man am Ende noch überbot (die Rüstigkeit sportlicher Rentner als Richtwert, sollte nicht unterschätzt werden), wurden es am Ende eher mehr als weniger Kilometer. Wir verfuhren uns schon beim Start in Fürstenberg. Die historische Innenstadt hatten wir ja eigentlich schon am Vorabend bei der immer hektischer werdenden Suche nach einer Unterkunft ganz gut kennengelernt. Nun sahen wir sie noch einmal in ihrer ganzen Pracht und trieben damit den Kilometerzähler nach oben.
Auch mit den vielen kleinen und größeren Hügeln hinter Fürstenberg und einer endlos erscheinenden Umleitung, hatten wir nicht gerechnet.

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Wir überschritten gänzlich unbemerkt die Landesgrenze zu Mecklenburg, stoppten hier und da mal für ein selbstgemachtes Eis, ein Stück Pflaumenkuchen oder um ein süßes Kälbchen zu fotografieren und waren dieses Mal sogar so schlau bereits Mittags ein Zimmer für die Nacht vorzubuchen.
Bei der geplanten Ankunftszeit waren wir dann aber doch etwas zu optimistisch und so gab es noch ein wenig mecklenburgische Abendstimmung auf dem Weg nach Waren.

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Nach einem fast verzweifelten Auffüllen der Kraftreserven mittels des Verzehrs großer Mengen an Pasta an der Warener Hafenpromenade, bestand zum sofortigen Bettgang keine wirkliche, vernünftige Option mehr.
Kilometeranzahl an diesem Tag: irgendwas zwischen 100 und gefühlten 200, viel mehr Hügel als man in Mecklenburg erwarten sollte, spürbarer Wind.

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Am nächsten Morgen machte sich Unsicherheit über die weitere Streckenplanung breit (joggen wollten wir übrigens nicht mehr). Wo sollten wir stoppen? Gab es in den paar kleinen Orten die noch am Weg lagen überhaupt irgendwelche Unterkünfte? Wäre es nicht zu stressig wenn man am nächsten Tag bis zum Mittag in Rostock sein und morgens noch ca. 40 Kilometer fahren müsste?
Wie wär es denn wenn wir…
Die unausgesprochene Frage stand klar im Raum während wir uns etwas ungläubig anschauten: wie wär es denn wenn wir gleich komplett bis nach Rostock durchfuhren?
Ein wenig waren wir von unserem eigenem Wagemut erschrocken.
Die offizielle Route des Fernweges sprach hier von 140 Kilometern. Vielleicht für einen Rennradfahrer machbar, für uns mediumtrainierte Trekkingradfahrer aber eben auch nur so mediumgeil. Naja es gab ja Abkürzungen, versuchten wir und zu beschwichtigen. Hier und hier und hier, da sparen wir sicher locker einige Kilometer. Sicher.
An diesem letzten Tag der Tour fuhren wir vorwiegend Rad. Wir stoppten nur wenn es nicht anders ging. Ansonsten gab es nur uns, die Pedale und den Weg.

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Bis Kilometer 80 war auch alles noch vollkommen ok, danach wurde es kritisch, vor allem was die gute Laune betraf. Und so wurde nicht mehr viel gesprochen, aber dafür um so mehr geradelt.
Jeder hatte seine eigene Methode um mit den letzten 20 (plus/minus weiteren) Kilometern die sich ewig zu erstrecken schienen, fertig zu werden.

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Nicole schaltete Musik ein und düste danach im Takt von Radiocative ordentlich davon, ich schob mir einen Müsliriegel nach dem anderen in den Mund und verlor mich in meinem eigenen rechts-links Tret-Mantra und Sven fuhr einfach nur ohne größere Probleme Fahrrad und versicherte uns immer wieder, dass alles gut sei (was auch immer er damit meinte).
Am Elbotel in einem Industriegebiet Rostocks kamen wir dann irgendwann an, als ich meinen Hintern schon nicht mehr spürte. Aufgrund des Hotelnamens erzählte ich aller Welt nun stolz über Whats App, dass wir die Elbe erfolgreich erreicht hätten. War nicht so, es war die Unterwarnow und als dann im Hotel der plattdeutsche Abend für die bayrische Seniorengruppe gestartet wurde, war ich geographisch komplett raus. Den Weg ins Bett fand ich trotzdem noch und schaffte es immerhin bis mindestens 22 Uhr wach zu bleiben.
Kilometeranzahl, Hügel, Wind an diesem Tag: egal, scheiße viele.

Auf die Fahrräder stiegen wir am nächsten Tag nicht mehr, sondern liefen lediglich zu einer nahe gelegenen Industriebrache und setzen uns (wegen der schmerzenden Hintern eher vorsichtig) ans Wasser (an die Unterwarnow wohlgemerkt, weiß doch jeder) bevor es mit dem Zug zurück nach Berlin ging (in nicht einmal 3 Stunden).
Ich liebe mein tapferes Fahrrad, aber an den folgenden Tagen brauchten wir wie in jeder gesunden Beziehung üblich, auch mal Abstand voneinander.

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Von Rostock haben wir übrigens sonst rein gar nichts gesehen. Das war aber auch gar nicht schlimm. Das Glücksgefühl an den eigenen Grenzen entlanggeschrammt zu sein (wenn auch im bescheidenen Maße) und fast vier volle Tage im Freien verbracht zu haben, wiegt eine Hafenrundfahrt mit Fischbrötchen locker auf.
Ein Hoch auf den Weg!

The road goes ever on and on,
down from the door where it began,
now far ahead the road has gone
and I must follow if I can
persueing it with weary feet
until it joins some longer way
where many paths and errands meet
and wither than I cannot say.
— J.R.R. Tolkien

Etappenplan: Berlin- Kopenhagen Fernradweg
Übernachtungsmöglichkeiten: Bett & Bike

PS. Das Kälbchen

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