Berlin

Gleis 17

Am S-Bahnhof Grunewald passiert im Allgemeinen nicht besonders viel. Einige wenige Anwohner steigen ein und aus, Menschen mit Kindern oder Hunden schlendern in Richtung Grunewald davon und gelegentlich werden in der Nähe auch mal ein paar Sekunden für die TV-Serie Homeland abgedreht.

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Wer mit der S7 in Richtung Potsdam fährt, hat hier noch einmal die letzte Gelegenheit auf ein Eis, bevor die S-Bahn für eine gefühlt sehr lange Zeit gar nicht mehr stoppt.
Auf dem Weg zur Eisdiele passiert man dabei einen Aufgang der lediglich mit dem Schild „Gleis 17“ markiert ist.

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Erklimmt man die wenigen Stufen ins Freie steht man plötzlich auf einem verlassenen Bahngleis.
Hier gibt es weder Süßigkeitenautomaten noch Anzeigetafeln und statt Zugansagen ist lediglich der Wind zu hören der durch die kleinen im Gleisbett wachsenden Birken rauscht. Diese lassen vermuten, dass hier so bald keine Züge mehr abfahren werden.

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Die auf dem Boden eingelassenen Plaketten erwecken jedoch das Gefühl, dass hier ohnehin schon viel zu viele Züge abfahren mussten. Auf den 186 Stahlgüssen sind Datum und Bestimmungsort der zwischen 1941 und 1945 von Grunewald und anderen Berliner Bahnhöfen gestarteten Züge eingeprägt. Und auch die Anzahl ihrer Passagiere, denn für einen großen Teil der 55.000 aus Berlin verschleppten Juden begann auf diesem Bahnsteig die Fahrt in die Vernichtungslager.

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Anders als am Holocaust Denkmal in Berlin Mitte werden hier keine Selfies für Facebook, Instagram oder (Gott bewahre) Tinder geschossen. Touristen und auch sonstige Besucher scheinen im Allgemeinen eher rar. So ist man ganz mit sich und seinen Gedanken allein, was manchmal etwas mehr ist, als man an einem warmen Sonntagnachmittag im Frühjahr ertragen kann und will.
Beim Herabsteigen der Treppe lässt man zwar die lang zurückliegende Angst und Verzweiflung die man an diesem Ort vermutet, hinter sich zurück, aber ein direkt darauf folgendes Eis wirkt nun dennoch etwas zu trivial.
Vielleicht ist dies auch ein Grund warum sich direkt vorm Bahnhofsausgang eine zur Bücherboxx umfunktionierte Telefonzelle befindet (mittlerweile selbst auch schon ein Relikt aus einer weit zurückliegenden Zeit).

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Bücher zum Mahnmal und über die Zeit des Nationalsozialismus dominieren, aber auch sonst findet man hier immer mal wieder nette Sachen die es sich zu tauschen oder mitzunehmen lohnt.
„Suchmaschinenoptimierung für Dummies“ gegen die frühen Gedichte von Rilke, ist nun wahrlich kein schlechter Deal.